VUCA-Welt , New Work, Working out Loud, learnOS: Eine neue Religion?

– 03. Nov. 2018 –

Ein Feld mit Windrädern, ein strahlend Blauer Himmel mit ausgeprägten Wolken und am Himmel die Sonne die durch eine Wolk eleicht blendet

Foto: M. Kraus

Vorbemerkung

Zunächst einmal vielen Dank, dass Du mir Deine Zeit und Aufmerksamkeit schenkst. Dies ist mein erster Blog und ich freue mich über jegliches Feedback hierzu. Besonders freue ich mich natürlich über positive Rückmeldungen. Auch über kritischen Anmerkungen die mich reflektieren und weiter wachsen lassen freue ich mich sehr. Daher bitte keine Scheu bei Kommentare an Martin@CultureDesigner.de. Ich werde den Blogbeitrag ggfls. weiter verfeinern, es lohnt sich also öfters mal vorbeizuschauen. Und jetzt viel Spaß beim Lesen.

Der Kontextbezug von VUCA Welt – New Work – Working Out Loud – learnOS

Verfolgt man die aktuellen Themen und Bewegungen in Unternehmen kommt man insbesondere bei den sogenannten „Graswurzelbewegungen“ – also aus den Reihen der eigenen Organisation heraus getrieben Bewegungen – nicht an den Schlagworten VUCA-Welt, New Work, Working out Loud und learnOS vorbei. Bisher habe ich allerdings keinen Beitrag gefunden, der diese Schlagworte in einen Bezug setzte. Daher versuch ich dies kurzerhand einmal selbst, wenn auch nicht tiefgründig.

So findet man u.a. auf Twitter zahlreiche Tweets und Fotos zu mittlerweile großen Veranstaltungen wo hunderte Menschen aus deutschen Großkonzernen auch unternehmensübergreifend zu einer Veranstaltung zusammenkommen um z.B. das Thema Working Out Loud (WOL) miteinander zu befördern und zu leben. Hierbei handelt es sich letztendlich um die Befähigung zum Netzwerken mit Hilfe eines „Leitfadens“ bzw. von sogenannten WOL-Circles und das Antrainieren einer Verhaltensänderung. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch learnOS (Organisationssystem für Lebenslanges Lernen  & Lernende Organisationen) was umfangreicher ist und mehr Werkzeuge als WOL bereitstellt aber ähnliche Ziele verfolgt.

Die Unternehmen indes versuchen in Form von sogenannten New Work-Konzepten beim vermeidlichen Kampf um Fachkräfte möglichst auf die Bedürfnisse dieser Menschen einzugehen. Eine extreme Ausprägung sind Unternehmen die z.B. ihre Führungskräfte von den Mitarbeitern selbst wählen lassen und die Entscheidungshoheit in einem unglaublichen Maße auf diese übertragen. Andere Unternehmen führen 5 Std. Arbeitszeit pro Tag (natürlich bei gleicher Vergütung) ein.

New Work und alles ist gut?

New Work bedeutet übrigens nicht nur „nette“ Aufenthaltsräumen mit Kicker, Playstation oder das Ermöglichen von Homeoffice anzubieten. Dies alleine spiegelt nicht einmal ansatzweise die Idee von New Work wider und wird den Ansprüchen der heutigen Menschen nicht gerecht.

New Work ist kein reines Vergnügen für die Mitarbeiter. Hierfür muss ein neues Mindset bzw. Skills aus- und aufgebaut werden. Im krassen Gegensatz zu der bisherigen allgemeingültigen Arbeitswelt rücken neue Attribute in den Fokus was sich die Mehrheit der Betroffenen noch (hart) erarbeiten müssen. Im Kern geht es um ein extrem hohes Maß an

  • Eigenverantwortung
  • Selbstdisziplin
  • Selbstorganisation
  • Eigenmotivation und das Entwicklung von Leidenschaft
  • Kommunikationsfähigkeit (auf/mit unterschiedlichsten Kanälen/Werkzeugen)
  • Empathie
  • u. a.

Wie jede neue Idee gibt es auch bei New Work „Downsides“ auf die es aus meiner Sicht noch Antworten bedarf, wie z.B. die Gefahren der „Vereinsamung“ und einer ausgeprägten Team-Kultur  auf den Weg zu reinen Homeoffice-Arbeitsplätzen. Die Zusammenarbeit wird nicht einfacher durch das immer weitere Aufweichen von Kernarbeitszeiten und empfundenen Belastungen durch z.B. eines Kommunikationsflusses rund um die Uhr. Theoretisch kann ja jeder arbeiten wann (zeitzonenübergreifend) und von wo er/sie will. Jetzt mag der Einwand kommen, dass dies nichts Neues ist und es diese Herausforderungen und gelebte Arbeitsweisen bereits heute schon gibt. Das stimmt auch, aber wir betrachten hier die breite Masse, den Mainstream und hier bin ich der Meinung ist dies noch lange nicht so ausgeprägt wie es einzelne schon länger (vor-)leben.

Der Zusammenhang von VUCA Welt – New Work – Working Out Loud – learnOS

Im Allgemeinen sind bei all den oben genannten Themen werkzeugunterstützt Selbstverwirklichung, Mit- und Selbstbestimmung ein Hauptaugenmerk. Zugrunde liegen hierbei unter anderem die Theorie der VUCA-Welt, welche die bisherigen Arbeitswelt-Paradigmen auf den Kopf stellt bzw. ein komplett neues Vorgehen fordert und die bisherigen Arbeitsweisen als unbrauchbar darstellt.

Disruption von bisherigen Werte-Pfeilern

Was aber bringt eine immer größere Anzahl an Menschen jeglichen Alters dazu sich diesen Themen intrinsisch zu öffnen um dort unglaubliche Energie einzubringen?

Kritiker der WOL-Bewegungen empfinden manche Ausprägungen einzelner Personen bzgl. WOL befremdlich, da die WOL-Bewegung bzw. das Agieren einzelner Vorreiter*innen für sie religiöse Züge angenommen hat. Der Begründer (John Stepper) wird zum Teil sprachlich auf eine Podest gehoben und dort quasi angebetet. Und in der Tat findet man solche Formulierungen („…wie er es gelehrt hat..“) und könnte diese so interpretieren.

In diesem Blog will ich mich gar nicht auf einzelnen Aussagen oder Formulierungen fokussieren bzw. weiter analysieren oder gar bewerten. Was ich allerdings für sehr bemerkenswert halte ist, dass in Zeiten in die Kirchen und Politik schwindende Mitgliederzahlen verzeichnen und der persönliche Freiheitsgrad ein bisher noch nie erklommenes Niveau erreicht hat, es andere Bewegungen gibt, die anscheinend als Kompensation dienen und diesen Trend entgegengerichtet sind.

In seiner Natur ist der Mensch ein Individuum das einen Sinn nacheifert und sucht, die meistens zumindest. Kann es also sein, dass diese individuellen und teilweise sehr intimen Erfahrungen in der eigenen Emotionswelt in o.g. Bewegungen eine neue „Religion“ darstellen? Eine Art Selbstfindungs- und Selbstverwirklichungspfad? Und was bedeutet dies? Kann man dies positiv nutzen?

Dabei erinnere ich mich auch in der Vergangenheit an so manche Motivationstrainer die in den letzten Jahrzehnten immer wieder Schlagzeilen schrieben. Z.B vom einem gefeierten Superstar der Motivations-Elite, der zwischendurch im Gefängnis war und mit einem bravurösen Comeback zurück die Bühnen der Motivationswelt wieder eroberte. Leicht irritiert nach einem Besuch einer solchen Veranstaltung war ich dennoch beeindruckt wie ein Mann nur mit seiner Person einen riesigen Saal voller – hauptsächlich zahlengetriebener Vertriebsprofis jeglichen Alters – mitgenommen hat. Und ich meine nicht nur als Zuhörer, sondern zu Interaktionen bewegt hat, die man so, noch dazu spontan mit wildfremden Menschen, sicher niemals gemacht hätte. Eben jenes aus der eigenen Komfortzone herauslocken, getrieben von der Gruppendynamik, über den eigenen Schatten springen und mal was ganz für sich selbst ungewöhnliches und überraschendes zu machen war das nachhaltige Empfinden dieser Veranstaltung und dieses Motivators. Was ich damit ausdrücken will, auch hier waren Menschen intrinsisch bereit eigene Grenzen zu überwinden, einen Sinn für sich zu finden und diesen zu verfestigen. Auch dies scheint mir eine Bewegung mit wiederkehrenden Veranstaltungen und Besuchern*innen zu sein. Also ist das alles nur „alter Wein in neuen Schläuchen“?

Thesen zur Disruption von/in Organisationsformen

Unter Disruption verstehen wir das Ersetzen von bisherigem durch etwas Neuartiges. Wenn wir für einen Moment mal annehmen, dass der Mensch an sich immer eine sinnstiftende, erfüllende Tätigkeit bzw. Wirken anstrebt könnte man folgende Thesen anstellen:

  1. Kirche war z.B. früher ein solcher Ort wo wir getrimmt wurden „das“ richtige und sinnstiftende zu tun
  2. Mit der gestiegenen Freiheit und Errungenschaft an Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung wurde der Mensch kritischer, hinterfragte mehr und kam zu dem Schluss eigene Maßstäbe anzusetzen und sich nicht auf die Institution Kirche als Richtungsgeber zu verlassen
  3. Hier begann m.E. die Disruption der Institution Kirche.
  4. Dies ist nicht nur auf Kirche an sich zu beziehen. Ich würde hier auch das (teilweise) inflationäre Schwinden im Ehrenamt und den Vereinen begründen die oft an starren, hierarchisch reglementierenden und vorgegebenen Strukturen festhalten.

Analyse & Schlußfolgerung

Sind diese Bewegungen also evtl. eine Auswirkung einer sich weiterentwickelnden Gesellschaft die von Individuen geprägt ist, welche die eigenen individuellen sinngebenden Werte formt und dabei den Gemeinschaftssinn sucht? Und was bedeutet dies, wenn z.B. wirklich eine Unternehmensdemokratie vorherrscht und die Hierarchien komplett abgebaut werden? Auch hierfür gibt es bereits Praxisbeispiele, wenn auch nur wenige Pioniere.

Ein neues Alleinstellungsmerkmal (USP) und somit ein Wettbewerbsvorteil?

Dies könnte in der Tat zu einer sozialeren Gesellschaft führen als die die wir heute vorfinden:

  • Entscheidungen die gemeinschaftlich getroffen und getragen werden,
  • Verantwortung die gemeinsam wahrgenommen wird und
  • eine wie vielleicht noch in Familienunternehmen mit hoher Mitarbeiterbindung vorzufindende ausgeprägten Identifikation mit der Organisation und deren Mitgliedern.

Ob dies den entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen wird vermag ich nicht zu beurteilen, aber es würde sicher zu einem mental gesünderen Unternehmen führen. Und dies wiederrum wird die alte Denkweise des Vorteils der „schnelleren Unternehmen“ definitiv ersetzen. Evtl. führt eben diese neue Art der Organisationsform auch zu kürzeren Entscheidungswegen, dadurch zu schnelleren und durchdachteren Entscheidungen und somit schnelleren Time-To-Market Produkten mit höheren Qualität.

Bei dieser Änderung der Gesellschaftsform ist auch nicht die absolute Selbstaufgabe gemeint, sondern vielmehr das Aufgehen in eine sinnstiftende Arbeitswelt in der kollegial die eigenen Stärken ausgebaut und dem Unternehmen sowie Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird. Auch wenn dies alles viele Züge von Religionen hat würde ich allerdings nicht von einer Religion sprechen. Die Differenzierung ist hierbei schon alleine in dem Fehlen einer „höheren Macht“ zu sehen. Es geht nicht um das Gefallen für irgendjemanden. Vielmehr wird hier ein Erleben von Sinn angestrebt und das daraus resultierende (Glücks)Gefühl in einem Wirken in und für eine Gemeinschaft.

Interessant wird hierbei sein, wie es sich mit in der Karriereplanung egoistisch eingestellten Menschen verhält. Wo ist deren Platz oder sind sie in der Lage sich der Allgemeinheit, dem Gemeinwohl tatsächlich zu öffnen?

Der Weg in die (digitale) Transformation?

Sind Bewegungen wie New Work, WOL und  learnOS ein zielführender Weg im Zeitalter der Digitalisierung und den damit einhergehenden Veränderungen und Disruptionen? Diese stellen m.E. in der Tat mögliche Wege und Werkzeuge für einen gemeinsamen getragenen Change-Prozess von kompletten Organisationen dar, welche zu einer Erfolgsstory führen können. Es kommt wie so oft auf die Intention und entsprechenden Ausprägungen der Treiber*innen an.

Elementar ist dabei zu erkennen, dass jede Organisation individuelle Ausprägungen von Hierarchie- und Beziehungsgeflechten hat. Jeder Mensch ist ein Individuum und somit unterscheidet sich die Gesamtheit dieser Individuen immer von anderen Organisationen. Dies bedeutet wiederum, dass es nicht den einen richtigen Weg geben kann. Leider gibt es kein „One fits all“-Vorgehen. Jede (digitale) Transformation muss somit individuell angegangen und an die logischen und emotionalen Belange der Betroffenen adaptiert werden. Werkzeuge können die eingangs benannten Methodiken sein, es können aber auch andere eigene (neuartige) Werkzeuge gefunden werden.

Schlussendlich können diese aktuellen Bewegungen mit dem richtig ausgeprägten Mind-Set als Transformationsmedium verwendet werden. So können auf menschlicher Ebene alle Beteiligte zu einer gemeinsamen Reise eingeladen bzw. begeistert werden und begleiten aktiv den Change in die gemeinsame Zukunft. Durch diese Partizipation wird eine verbindende und nachhaltige Identifikation mit all den dazugehörigen Attributen wie Verantwortungsbewusstsein, soziales Engagement, gemeinsame Werte etc. durch die Mitarbeiter selbst nachhaltig erschaffen.

Hierzu wünsche ich uns allen ein gutes Gelingen….

 


Über den Autor Martin Kraus

Hier ist ein Porträt von Martin Kraus

 

In einer Welt stets steigender Komplexität mit unbekannten Abhängigkeiten liegt für mich der Schlüssel für erfolgreiche Organisationen in der Aktivierung der intrinsischen Motivation, Neugierde, Begeisterung und wahrgenommener Wertschätzung. Weil es einfach jeder Menschen wert ist…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.